CDU-Generalsekretär Dr. Peter Tauber
Dr. Peter Tauber

Folgender Namensbeitrag von CDU-Generalsekretär Dr. Peter Tauber wurde anlässlich des 50. Todestages von Konrad Adenauer im Kölner Stadt-Anzeiger am 19. April veröffentlicht:

Ein starker Baum im Sturm  

Für Konrad Adenauer, der vor 50 Jahren starb, war das vereinte Europa eine Herzenssache – Er wusste, dass es sich nicht wie ein Haus bauen lassen würde.

Angesichts des Brexits, der Staatsschuldenkrise, des Rückbaus demokratischer Rechte in manchen osteuropäischen Staaten, des aggressiven Auftretens Russlands und der neuen US-Administration steht das vereinte Europa vor großen Herausforderungen. Viel ist von anti-europäischen Populisten und Europa-Müdigkeit zu lesen, und immer wieder wird die europäische Bürokratie kritisiert.

Europa ist aber viel mehr als die Institutionen der EU. Was muss unsere Antwort auf die Kritik an Europa sein? Was ist die große Erzählung, die uns alle verbindet? Einer der größten deutschen Europäer, Konrad Adenauer, hat uns die Richtung gewiesen, in die wir dieses Europa weiterdenken sollten. Vor 50 Jahren ist der erste Bundeskanzler gestorben. Ein guter Zeitpunkt, sich seines Vermächtnisses zu erinnern. Für den überzeugten Rheinländer waren seine deutsche und europäische Identität stets eins: „Ich bin Deutscher und bleibe Deutscher, aber ich war auch immer Europäer und habe als solcher gefühlt.“

Den Nationalstaat hielt Adenauer nicht für obsolet, aber er war bereit, wiedergewonnene Souveränität aufzugeben, um den Deutschen gerade dadurch ein bisher nicht gekanntes Maß an Frieden, Freiheit und Wohlstand zu ermöglichen. Er war überzeugt: „Kein europäisches Volk ist allein in der Lage, sich militärisch zu schützen oder wirtschaftlich zu entwickeln. Bestünde man darauf, in der heutigen Welt die traditionellen Begriffe des Nationalismus hochzuhalten, so bedeutete dies die Aufgabe Europas.“ Heute sind es Rechtspopulisten, die glauben machen wollen, Europa gefährde Wohlstand und Sicherheit. Dabei ist es genau umgekehrt: Die EU und der Souveränitätsverzicht der Nationalstaaten hat eine bisher in der Geschichte ungekannte Epoche des Friedens ermöglicht.

Zwei Weltkriege und der innere Zusammenbruch Deutschlands führten für Adenauer zu der Erkenntnis, dass es ohne ein vereintes Europa keine Garantie für dauerhaften Frieden auf dem Kontinent geben könne. Doch er war sich bewusst, dass sich Europa nicht wie ein Haus bauen lassen würde. „Man bestellt soundso viel Beton, Sand, eiserne Träger usw., hat einen Plan und fängt an zu arbeiten. Europa, das ist eher wie ein Baum, der wächst, der eine Schicht nach der anderen ansetzt, der aber nicht konstruiert werden kann.“ Dieses Bild passt gut zu den heutigen Zeiten. Ein starker Baum trotzt dem Sturm eher als ein auf Sand gebautes Haus. Die Wurzeln dieses Baumes sind das Vermächtnis Adenauers .

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer

Nach mehr als 70 Jahren Frieden und Wohlstand, nach dem Kalten Krieg und der errungenen Wiedervereinigung wissen wir, dass Konrad Adenauer mit seinen Visionen für den Weg zu einem vereinten Europa Recht behalten hat. Die europäische Integration ist das größte zivilisatorische Projekt des 20. Jahrhunderts. Für Adenauer war dieses Europa nicht nur eine Herzensangelegenheit und ein Friedenswerk. Früher als andere erkannte er, dass der Einfluss der europäischen Nationen ohne das vereinte Europa marginalisiert werden würde: „Die Gefahr, in der die europäischen Völker schweben, wird klar, wenn man die Verteilung der Macht auf der Erde prüft und dabei feststellen muss, mit welcher Schnelligkeit der Verlust der europäischen Länder an Macht schon fortgeschritten ist.“

Adenauer hat dieses Europa immer in Verbindung mit der transatlantischen Partnerschaft gedacht. Und auch hier sind seine Worte mahnend und visionär zugleich, wenn man sieht, vor welchen Herausforderungen die NATO und die deutsch-amerikanische Freundschaft heute stehen: „Wenn dieses Europa nicht den Willen zeigt, sich zu einer Einheit zusammenzufinden (...), dann liegt doch die Gefahr außerordentlich nahe, dass der verantwortliche Mann in den Vereinigten Staaten sagt: ‚Mehr als ich getan habe, kann Amerika nicht tun. Dann muss Europa sehen, wie es selbst fertig wird.’“ Angesichts mancher Uneinigkeit der Europäer und der Haltung des neuen US-Präsidenten erschrickt man fast.

Unsere Verpflichtung gegenüber Adenauer bleibt es, jeden Tag aufs Neue für diese Idee Europas zu kämpfen. Das bedeutet aber nicht, einfach mehr Geld nach Brüssel zu überweisen, wie es der Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) fordert. Die vorhandenen Mittel müssen vor allem effektiv eingesetzt werden. Dabei kann die EU in der Tat besser werden. Dass viele Menschen allen Unkenrufe zum Trotz begeistert von der Idee Europas sind, zeigt sich derzeit jeden Sonntag: bei den „Puls of Europe“-Demonstrationen überall in unserem Land. Europa ist eine Herzensangelegenheit. Das war so für Konrad Adenauer – und das ist es für uns Christdemokraten heute.