Beyer leitet aus Erinnerung an SED-Diktatur auch Verantwortung für Flüchtlinge von heute ab
Beyer leitet aus Erinnerung an SED-Diktatur auch Verantwortung für Flüchtlinge von heute ab (Foto: CDU Glienicke

Rede von Martin Beyer (CDU), Vorsitzender der Gemeindevertretung Glienicke/Nordbahn, anlässlich des 55. Jahrestags des Mauerbaus am Gedenkkreuz Edelhofdamm/Ecke B 96 am 13. August 2016:

Sehr geehrter Herr Stellvertretender Landrat,

sehr geehrter Herr Vorsitzender der Bezirksverordnetenversammlung,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

zum 55. Mal jährt sich heute der Bau der Berliner Schandmauer durch das SED-Regime.

Ich danke Ihnen allen, die Sie zu diesem Gedenkakt auch in der Ferienzeit erschienen sind!Sie setzen damit ein wichtiges Zeichen der Gedenkkultur gegen die Verharmlosung der Diktatur, für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte.

Gerade im jetzigen Umfeld ist das von besonderer Bedeutung – ich werde noch darauf zurückkommen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
wir sind zusammengekommen, um Opfern zu gedenken, der Opfer des unmenschlichen DDR-Grenzregimes.

Auch wenn die Berliner Mauer der bei weitem markanteste Teil dieser todbringenden Grenzanlagen war, vergessen wir nicht: Die sozialistische SED-Diktatur hatte ihr gesamtes Herrschaftsgebiet hermetisch von der Freiheit abgeriegelt. Sie hatte damit schon sehr bald nach Gründung der DDR angefangen.

Was frühmorgens am 13. August 1961 in Berlin begann, was viele kaum für möglich gehalten haben, war das Zumauern des letzten Schlupflochs.

Bis heute ist sich die Wissenschaft nicht einig, wie viele Todesopfer insgesamt zu beklagen sind. Allein entlang der Berliner Mauer waren es wohl knapp 140, insgesamt um die 1600.

Genau wissen wir: Nur neun Tage nach dem Mauerbau starb Ida Siekmann nach ihrem ebenso verzweifelten wie beherzten Sprung aus dem dritten Stockwerk ihres Hauses Bernauer Straße 48.

Zwei Tage später erschossen die DDR-Grenztruppen den 24-jährigen Günter Litfin, der durch den Humboldthafen zum Westberliner Ufer zu schwimmen versuchte.

Wir kennen auch das letzte Maueropfer, Chris Geffroy. Am Britzer Verbindungskanal tötete ihn, bereits schwer getroffen, ein gezielter Schuss. Er war 20.

Meine Damen und Herren,
man könnte so viele herzzereißende Geschichten erzählen. Allein wir hier in Reinickendorf und in Glienicke die jener dreier Männer, denen dieses in seiner Schlichtheit so eindrucksvolle Mahnmal gilt. 

Allen voran die Geschichte des jungen Michael Bittner und des Leidenswegs seiner tapferen Familie, von der Stasi belogen, bis zur traurigen Gewißheit seines Todes, die sie erst nach der Wiedervereinigung erlangten. Sie wurde hier an diesem Ort so oft erzählt, dass ich sie nicht wiederholen werde. Wir haben Michael Bittner, von dem man nicht einmal weiß, wo seine Leiche von Stasi oder Grenztruppen verscharrt wurde, in Glienicke einen zentralen Platz gewidmet.

Meine Damen und Herren,
vor allen Toten an Mauer und innerdeutscher Grenze verneigen wir uns.

Zu den Toten und Verletzten des Grenzregimes kommen Hundertausende weitere Opfer: aus politischen Gründen Inhaftierte, von den Behörden Drangsalierte und Schikanierte, von der Stasi Bespitzelte, nicht zuletzt aus Sperrzonen entlang der Grenze Zwangsumgesiedelte, deren Schicksale und Entschädigung durchaus noch mehr Aufmerksamkeit verdienen.

Wir in Glienicke/Nordbahn wissen sehr genau, was es für den einfachen Bürger bedeutete, in einer Gemeinde in und an der Sperrzone wohnen zu müssen. Lassen Sie mich aus einer eindrucksvollen Rede von Marita Pagels-Heineking, von 2008 bis 2013 Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR, zum 50. Jahrestag des Mauerbaus zitieren:

Zitat Anfang – Wer glaubt, die Mauer verstanden zu haben, weil er weiß, wie lang und hoch sie war, wie die Grenzanlagen aussahen und wie viele Menschen bei dem Versuch ihrer Überwindung gestorben sind, täuscht sich. Wer die Mauer verstehen will, muss diejenigen zum Reden bringen, die hinter ihr verstummt sind. – Zitat Ende

Damit, meine sehr geehrten Damen und Herren, sind vor allem jene gemeint, denen die sozialistische Diktatur ein selbstbestimmtes Leben, freie Entfaltung, oder einfach nur Teilhabe am Weltgeschehen vorenthielt. Menschen, denen der SED-Unrechtstaat die elementarsten Menschenrechte, nicht zuletzt die Freizügigkeit, vorenthielt und sie in Menschenwürde und Lebensqualität empfindlich beeinträchtigte.

Sie waren Opfer der Mauer, ebenso wie jene im freien Teil Deutschlands, die plötzlich und scheinbar unwiderruflich von Verwandten, Freunden, Kollegen im SED-Staat abgeschnitten waren. Auch all dieser Menschen gedenken wir heute.

Meine Damen und Herren, 
seit einem Vierteljahrhundert nun ist Deutschland glücklich wiedervereint in Frieden und Freiheit. Das erfüllt uns zurecht mit Freude und mit Dankbarkeit all jenen gegenüber, die das mit ihrem festen Glauben an die Freiheit und die Menschenwürde, mit großem Mut und Entschlossenheit ermöglicht haben.

Daraus leite ich zwei Verantwortungen ab.

Erstens: 40 Jahre DDR-Diktatur dürfen nicht der Vergessenheit anheimfallen oder gar verklärt und verharmlost werden. Wir können geschehenes Unrecht nicht ungeschehen machen. Aber wir können verhindern, dass es sich wiederholt.

Zweitens, und heute hochaktuell, aber auch eine Verantwortung anderen gegenüber, denen daheim ein Leben in Menschenwürde, Freiheit und Demokratie verwehrt ist.

Noch 1989 wollten sich viele mit der Mauer abfinden. Und doch fiel sie am 9. November desselben Jahres. Weil, um die Bundeskanzlerin zu zitieren, Zitat Anfang -- wir die Kraft haben, die Dinge zu ändern. Wir können die Dinge zum Guten wenden. Das ist die Botschaft des Mauerfalls. – Zitat Ende Seien wir uns dessen angesichts der heutigen Herausforderungenund Tausender bei uns Schutz Suchender immer bewusst!

Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit und bitte Sie nun, mit mir in eine Minute des stillen Gedenkens einzutreten.

Vielen Dank!

BU: Beyer leitet aus Erinnerung an SED-Diktatur auch Verantwortung für Flüchtlinge von heute ab (Foto: CDU Glienicke)

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